06 / THE JOURNAL

Fortschritt braucht eine Richtung.

Über Neugier, künstliche Intelligenz und die Frage, was wirklich Wert schafft.

Toralf Feuchtenhofer vor einer Wand mit illustrativen KunstwerkenTHE JOURNAL / 06
Toralf Feuchtenhofer in einer Installation von Maens, Affenfaust Galerie Hamburg.

Ich erlebe gerade zum zweiten Mal, wie eine Technologie verändert, was wir für möglich halten. Beim ersten Mal war es das Internet. Vieles von dem, was wir heute selbstverständlich nutzen, konnten wir uns damals noch gar nicht vorstellen.

Heute erleben wir mit künstlicher Intelligenz wieder einen solchen Moment. Mich interessiert, was diese Technologie kann. Vor allem aber interessiert mich, was wir damit anfangen und welche Ideen wir jetzt umsetzen können.

Nur weil wir mit KI mehr und schneller machen können, entsteht daraus nicht automatisch Wert. Gleichzeitig wäre es schade, die neuen Möglichkeiten nicht auszuprobieren.

Neues entsteht durch Ausprobieren

Als ich mein erstes Unternehmen gründete, ging es zunächst um Multimedia und später um das Internet. Wir haben uns vieles erarbeitet, während sich die Möglichkeiten um uns herum ständig veränderten.

Genau das hat mich interessiert. Nicht schon alles zu wissen, sondern herauszufinden, was mit dem Neuen möglich wird. Dazu gehört für mich auch, etwas auszuprobieren, einen Gedanken zu verwerfen und anders weiterzumachen.

Nicht jede Idee funktioniert. Manche brauchen Zeit, andere sind ihrer Zeit vielleicht voraus. Und manchmal merken wir erst unterwegs, dass die eigentliche Möglichkeit an einer ganz anderen Stelle liegt.

Weiterdenken eröffnet neue Wege

Ich möchte verstehen, wie Dinge funktionieren. Wenn ich ihre einzelnen Teile verstanden habe, kann ich sie manchmal anders zusammensetzen. Dabei entstehen Verbindungen, die vorher vielleicht nicht offensichtlich waren.

Wir müssen nicht immer schon am Anfang wissen, wie etwas am Ende aussieht. Aber wir sollten bereit sein, dazuzulernen und unsere Vorstellungen zu verändern.

Am Ende möchte ich sehen, was aus einer Idee wird und welchen Unterschied sie macht.

Wo Kunst die Zukunft erkundet

Kunst war für mich immer mehr als das fertige Werk. Ich habe sie auch als Seismograf verstanden, der aufnimmt, was Menschen und Gesellschaft beschäftigt. Und als einen Raum, in dem Ideen erforscht werden, lange bevor wir wissen, welche Bedeutung sie einmal bekommen.

Zu Beginn meiner beruflichen Laufbahn war ich auf der Ars Electronica und am ZKM, dem Zentrum für Kunst und Medien in Karlsruhe. Dort bin ich Gedanken begegnet, die mich bis heute begleiten. Besonders in Erinnerung geblieben sind mir die Performances von Stelarc. Er verband seinen Körper mit Maschinen und machte damit Fragen sichtbar, die damals weit in der Zukunft zu liegen schienen.

Heute erleben wir, wie Schnittstellen zwischen Gehirn und Computer erforscht werden. Menschen können in ersten Anwendungen Geräte über Hirnsignale steuern. Wenn ich daran denke, erinnere ich mich an die Bilder von damals. Die Kunst hatte einen Raum geöffnet, in dem ich mir diese Verbindung zwischen Mensch und Maschine überhaupt erst vorstellen konnte.

Auch Science-Fiction hat mich auf diese Weise beschäftigt. Ich habe Zeitstopp von Peter Schattschneider gelesen. Er ist Physiker und zugleich Autor. Diese Verbindung fasziniert mich: Ein Wissenschaftler nutzt Geschichten, um Gedanken weiterzudenken und Möglichkeiten zu erkunden, für die es noch keine abschließenden Antworten gibt.

Was mich heute beschäftigt: Wo findet dieser Austausch statt? Wo begegnen sich Kunst, Wissenschaft und Technologie, um das Übermorgen zu denken?

Ich suche nach solchen Räumen. Nach Menschen und Ideen, die mich herausfordern, meine eigenen Vorstellungen zu überprüfen und weiterzudenken. Denn vieles von dem, was einmal undenkbar schien, beginnt mit jemandem, der es sich vorstellt.

Vielleicht interessiert mich gerade deshalb, was heute zwischen Menschen und KI entsteht. Nicht nur, welche Aufgaben wir damit lösen können, sondern auch, welche neuen Gedanken aus dieser Zusammenarbeit hervorgehen.

Wenn ein Ergebnis richtig aussieht

Ich sehe gerade, wie unterschiedlich Menschen mit KI arbeiten. Die einen nutzen sie, um Aufgaben besser oder schneller zu erledigen. Andere gehen plötzlich Dinge selbst an, für die sie bisher auf die Fähigkeiten anderer angewiesen waren.

Auch ich nutze diese neuen Möglichkeiten. Dabei möchte ich verstehen, wie das entstanden ist, was ich am Ende bekomme. Ich habe kein Problem damit, wenn eine Maschine Wissen einbringt, über das ich selbst nicht verfüge.

Mich beschäftigt etwas anderes: Wie beurteile ich ein Ergebnis, wenn mir auf diesem Gebiet noch die Erfahrung fehlt?

Es kann überzeugend aussehen und trotzdem Schwächen haben. Vielleicht funktioniert es sogar. Aber ist es auch eine gute Lösung? Oder gibt es eine bessere, die ich noch gar nicht erkennen kann?

Besonders spannend finde ich das dort, wo es keine eindeutige Antwort gibt. Bei Gestaltung und Kunst zum Beispiel. Oder bei Ideen, die aus Inspiration, unterschiedlichen Erfahrungen und auch aus Kontroversen entstehen.

Eine KI kann Möglichkeiten zeigen und Gedanken anstoßen, auf die ich selbst vielleicht nicht gekommen wäre. Daraus kann im Zusammenspiel etwas Neues entstehen. Mich interessiert dann, ob das Ergebnis meine Idee wirklich weiterbringt und ob es das ausdrückt, was ich sagen möchte.

Für mich gehört deshalb zur Arbeit mit KI auch das Lernen. Ich muss nicht alles selbst können. Aber ich möchte genug verstehen, um gute Fragen zu stellen, Alternativen zu erkennen und eine eigene Entscheidung treffen zu können.

Wenn Maschinen Teil der Zusammenarbeit werden

Früher haben wir Personas beschrieben, um besser zu verstehen, für wen wir etwas entwickeln. Wir haben uns gefragt, welche Bedürfnisse diese Menschen haben und wie sie mit einem Produkt umgehen.

Heute denken wir auch darüber nach, wie wir Maschinen und KI-Systeme in unsere Arbeit einbinden. Wir geben ihnen Rollen und Aufgaben, sprechen mit ihnen und gestalten Abläufe, in denen sie mitwirken.

Im Gespräch mit einer KI verändert sich manchmal auch meine eigene Frage. Ich beginne mit einer Idee und merke unterwegs, dass mich eigentlich etwas anderes interessiert. Daraus entsteht nicht einfach nur eine Antwort, sondern ein Gedanke, den ich weiterentwickeln kann.

Damit verändert sich auch die Zusammenarbeit. Maschinen werden auf neue Weise Teil unserer Arbeitsprozesse. Mich interessiert, wie wir dieses Zusammenspiel gestalten und welche Möglichkeiten daraus entstehen.

Dabei bleiben für mich Erfahrung und Urteilskraft wichtig. Gerade wenn Maschinen Aufgaben übernehmen, möchte ich verstehen, welche Entscheidungen ich ihnen überlasse und welche ich selbst treffen muss.

Was schafft wirklich Wert?

Viel Bewegung heißt nicht automatisch viel Wert. Diesen Gedanken finde ich gerade heute wichtig.

Wir können Texte erstellen, Ideen entwickeln, Projekte starten und Ergebnisse produzieren. Aber irgendwann sollten wir uns fragen, was daraus entsteht. Hilft es jemandem weiter? Verstehen wir ein Problem besser? Können wir eine Entscheidung treffen, die vorher nicht möglich war?

Wert lässt sich für mich nicht immer sofort in Zahlen ausdrücken. Manchmal entsteht er auch in einem Gespräch, aus dem eine neue Idee hervorgeht. Oder darin, dass Menschen gemeinsam einen Weg finden, den sie allein vielleicht nicht gesehen hätten.

Was bleibt, wenn sich alles verändert?

Mich beschäftigt noch eine andere Frage: Muss überhaupt etwas bleiben?

Ich habe Freude daran, Neues zu entdecken und Möglichkeiten zu sehen, die vorher nicht da waren. Vielleicht liegt gerade im Streben nach dem Neuen ein Teil dessen, was Wert schafft.

Gleichzeitig gibt es Dinge, die ich nicht verlieren möchte: Vertrauen zwischen Menschen, Neugier und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Sie können Orientierung geben, während sich Technologien, Unternehmen und unsere Zusammenarbeit verändern.

Ich glaube, Fortschritt braucht beides: den Mut, Neues zu wagen, und die Aufmerksamkeit für das, was uns wichtig ist.

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